A. TRINIUS, Geheimer Hofrat
"THÜRINGEN – HOTEL- FÜHRER
durch die Fremdenverkehrsplätze von Thüringen“

Herausgegeben vom Thür. Hotelier -Verband Erfurt im Selbstverlag
Ausgabe 1926






WIE MAN THURINGEN BEREISEN SOLL

Reisen ist für unsere so stark überarbeitete Zeit ein Bedürfnis geworden. Reisen ist aber auch für Tausende Mode geworden. Dampf, Elektrizität und Benzin haben aber leider in die einstige Behaglichkeit des Genusses fremder Länder einen hastig - nervösen Einschlag gebracht. Wir tauchen nicht mehr unterwegs in die Tiefe, wir drängen rastlos in die Weite. Im Fluge soll sich uns die Welt mit ihren Schönheiten, ihren Wundern erschließen. Statt der müden Seele, dem abgehetzten Leibe Gesundung, Frieden, Ausruhen und wahren Genuß zu bieten, jagen wir nach den Sternen der gedruckten Führer von Ziel zu Ziel, unbekümmert darum, wie viel bei solcher Hetze dabei verloren geht. Das Reisefieber, der Kilometerschwips hat bereits weiteste Kreise erfaßt. Und kehrt man dann heim, so hat man nichts innen bewahrt, was uns in stillfrohen Erinnerungen noch oft beglückt, uns zur Quelle herzerfreuender Rückempfindungen wird. Wir können mit der Aufzählung geschauter Punkte wohl prahlen und sind doch innerlich ärmer geblieben als unsere Vorfahren, denen die kleinste Ausfahrt in die blaue Welt einen Schatz beglückender Güter sammeln ließ. Gerade Thüringen in der reizvollen Anmut seiner wechselnden Landschaft, der überreichen Fülle literarischer Erinnerungen, dem hohen Flügelschlage der Geschichte, der über seinen Gauen weht — es will mit dem Herzen, mit offenen Augen genossen sein. Lieber nicht alles sehen wollen, Verzicht leisten auf dies und jenes, wenn dafür ein höherer Gewinn eingetauscht werden kann. Sich wo niederlassen, um dann, umherstreifend, die Fülle des Gebotenen in wachsender Liebe aufzunehmen. So erst wird uns im Thüringer Lande bewußt, was dieses grüne Herz Deutschlands an Reichtum birgt, wie hier noch Frau Poesie leisen Schrittes wandelt, dem die Seele rührend, der sich geruhig und willig ihren Offenbarungen hingibt.

Alles Abjagen der Natur erschlafft die Sinne, macht müde und abgespannt. Verweilen, froh dahinschlendern, lauschen, was Wald und Winde, Bach und Vogelwelt künden: wer sich solcher Wanderart befleißigt, der trägt mehr heim als all jene, die Tausende von Kilometern im Fluge dahinstoben, selbst nur ein armseliges Gepäckstück, das täglich aufs neue verstaut und weiter geschoben wurde. All ihr Ozondurstigen und Seelenmüden, kommt ins Thüringer Land. Die Tore und Herzen stehen euch weit auf. Aber bannet Schnelligkeitsteufel aus eurem Sinne. Genießet mit Maß und Hingebung, und das herrliche Thüringer Land wird euch wie in Goldglanz edelster, deutscher Poesie eingetaucht erscheinen. Erst im wahren Genießen werdet ihr die Heilkraft, Schönheit und den wunderbaren Zauber dieses Landes mit allen Sinnen fassen.

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